Annette Ammerbacher – 4. Mai 2021

Langwasser Nordost

Ja, die zweite Exkursion ist wirklich etwas ganz Besonderes. Denn dieses Mal geht es nach Langwasser Nordost. „Wohin? Nach Langwasser? Das fänd‘ ich ja jetzt nicht so sexy …“, sagt eine liebe Freundin. Das denken vermutlich viele. Und genau deswegen muss ich mir diesen Stadtteil mal genauer ansehen! Aber auch, weil hier Annette Ammerbacher wohnt, die ich sehr mag und schätze. Ich freue mich auf den Nachmittag mit ihr!

Kinder, Kinder

Aus der U-Bahn in Fahrtrichtung aussteigen und auf der Brücke dann nach links. Dann noch hundert Meter weiter und schon sammelt Annette mich ein. Ruhig ist es heute in den Straßen, zumindest hätte ich mehr Menschen erwartet. Das ist wohl auch der Pandemie geschuldet. Aber der Kinderanteil ist augenscheinlich höher als bei mir in der Altstadt, wo es auffällt, wenn aus einem Haus tatsächlich einmal Kindergeschrei zu hören ist. Erst einmal bringen wir meine Tasche zu Annette. Und dann geht es los!

Altstadt und Trabantenstadt

Schon nach den ersten Metern erinnern mich die Strukturen der Häuser mit ihren Giebeln und die Straßenzüge an die Altstadt. Was nicht von ungefähr kommt, so erfahre ich. Denn hier wollte man durchaus ein wenig Altstadtflair verbreiten. Mittelalterliche Strukturen in einer der Trabantenstädte des 20. Jahrhunderts? Das klingt eigentümlich, aber ich mag es irgendwie. Natürlich könnten die Fassaden mal wieder ein wenig Farbe vertragen und die Überdachungen der Fußwege mal wieder gereinigt werden. Aber was ist schon perfekt?

Für Menschen gebaut

Auf mich macht Langwasser Nord einen erstaunlich heimeligen Eindruck. Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Aber es ist schön, dass in diesem Stadtteil an die Bedürfnisse von Menschen gedacht wurde, bevor es erbaut wurde. In traditionell gewachsenen Stadtteilen gibt es ja meist ganz unterschiedliche Interessen. Was reizvoll sein kann, aber nicht muss. Hier wurde erst darüber nachgedacht, was Menschen brauchen, dann wurde gebaut. Ich will mich ja jetzt nicht der Sozialromantik hingeben, aber trotz der Probleme, die Trabantenstädte an vielen Orten heraufbeschwören, haben sie auch wirklich gute Seiten.

Nachbarschaft ist schön

Möglicherweise ist es ja auch mein Optimismus, der mich eher die sonnigen Seiten sehen lässt. Aber ich finde es schön, dass die zwei jungen Mädchen, die an Annettes Terrasse vorbeigehen, Annette schon von Weitem begrüßen. Ich mag es, wie nett ihr Nachbar ihr hilft und wie freundlich die Menschen im Haus miteinander umgehen. Und dass Annette den kleinen Jungen, der uns mit seiner Familie auf seinem Fahrrad begegnet, nicht nur kennt, sondern auch gleich eine kleine Geschichte von ihm erzählen kann. Das ist Nachbarschaft. Das darf man ruhig mögen.

Derweil sind wir am Kirchenzentrum Langwasser und an dem sehr aufgeräumten Anwesen der freien Christengemeinde Langwasser vorbeigeschlendert. Erst einmal fällt der ökumenisch genutzte Turm auf. Annette berichtet von dem Tannenbaum, der auf dem Glockenturm mit seinen Stahlträgern gewöhnungsbedürftig war. Aber in Nürnbergs jüngstem Stadtteil ist man offen für Neues.

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Idyll am Langwassersee

Langwasser Nordost ist ein grüner Stadtteil. Zumindest erheblich grüner als ich es aus der Altstadt gewohnt bin. Da wundert es nicht, dass Annette hier gern Spaziergänge unternimmt. Ich übertreffe heute das Ziel meiner täglich gelaufenen Schritt um 23 Prozent. Nicht schlecht. Zu sehen gibt es auch etwas. Erst einmal den See mit der Skulptur „Paar“ von Klaus Schultze, die mich irgendwie an Klimts Kuss erinnert. Und natürlich die zutraulichen Enten, die bereitwillig und vermutlich geübt für ein Foto stillhalten. Ein Blick auf die kleine Insel zeigt, dass sich auch hier die Biber wohlfühlen und fleißig bauen. Die Grüntöne schimmern sanft in allen frühlingshaften Facetten. Trotz des bewölkten Himmels ist es ein schöner Tag, der von Menschen aller Altersgruppen genutzt wird, um ein wenig an die frische Luft zu kommen.

Bertolt-Brecht-Schule

Wir umwandern anschließend den Neubau der Bertolt-Brecht-Schule, dem wichtigen Nürnberger Zentrum des Leistungssports, das weit über die Stadtgrenzen hinaus eine große Rolle spielt. Der Neubau ist schon schick, keine Frage. Und auch wenn ich Rechtschreib- und Interpunktionsfehler nicht überbewerten möchte: Beim Brecht-Zitat fehlt das Leerzeichen nach den Auslassungspunkten. An dieser Stelle vermutlich nicht in Stein gemeißelt, aber doch ziemlich haltbar. Mein Vorschlag für die erste Sanierung: „… und sie dreht …“ Da beißt die Maus keinen Faden ab. Unser Buchstabentipp erklärt es genau!

Alles, was der Mensch so braucht

Angesichts der vielen Menschen, die in Langwasser leben und sich hier mit den unterschiedlichsten Waren, mit Dienstleistungen, Bildung, Gesundheits- und Sozialleistungen versorgen müssen, hatten die Planer selbstverständlich vieles zu bedenken. Schulen, Kinderbetreuung, Jugendzentren wie der Container mit den tollen Reifen-Beeten vor der Tür, Sportstätten, aber auch Ärztehäuser, Seniorenwohnanlagen und die Feuerwehr säumen unseren Weg. Die Infrastruktur ist augenfällig. In anderen Stadtteilen erlebe ich die öffentlichen Einrichtungen als weniger präsent. Mag sein, dass es an meiner Perspektive liegt. So oder so empfinde ich das als recht aufgeräumt. Klasse, wenn die Angebote auch so gut angenommen werden, wie Annette es vom Container berichtet.

Jetzt ein Kaffee!

Was wir jetzt brauchen, ist ein Kaffee! Den zaubert Annette uns. Doch erst lerne ich noch ihren netten Nachbarn kennen, der gerade ein neues Gartentürchen an ihrer Terrasse montiert und sich sichtlich darüber freut, seine Nachbarin unterstützen zu können. Seit weit über zehn Jahren wohnen die beiden Familien nebeneinander. Wenn an schönen Sommerabenden beim Nachbarn gegrillt wird, ist nicht nur Annette willkommen. Auch ihr Kater Tiger, ein süßer Senior mit knarzendem Altherren-Maunz, ist dann dabei. Dass die Fellnase der erste am Grill ist, freut den Nachbarn und amüsiert Annette. Aber wir gönnen uns jetzt noch einen Plausch bei Kaffee und Kuchen.