Norbert Fehl – 6. Mai 2021

Südstadt

Entgegen der Fahrtrichtung raus aus der U-Bahn, dann die Treppe hoch und Richtung Norma. Doch welche Treppe? Ich nehme die linke und sie führt tatsächlich zur Norma. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich den Weg so schnell finde und bin vermutlich zu früh dran. Aber Glück gehabt – denn Norbert Fehl ist auch schon da. Der Elektroingenieur ist heute mein Wegbegleiter durch die Südstadt. Ich bin gespannt, was wir uns anschauen werden.

Norbert Fehl

Vom Hauptmarkt in die Südstadt

Norbert ist zwar am Hauptmarkt aufgewachsen und damit sozusagen Intensiv-Nürnberger, lebt aber schon lange in der Südstadt. Keine Frage, dass ihm auch die Schattenseiten seines Viertels nicht fremd sind. Hier leben Menschen mit den unterschiedlichsten kulturellen und ethnischen Hintergründen, das kann zu einem tollen Austausch führen, klappt aber nicht immer reibungslos. Besonders, wenn die Menschen dann noch in beengten Verhältnissen leben müssen.

Gewerberäume verschwinden

Schon zwei Querstraßen weiter nehme ich Aspekte der Stadtentwicklung wahr, die mir nicht bewusst waren: Viele Ladengeschäfte wurden zu Erdgeschosswohnungen umgewandelt. Wo es früher Gewerberäume mit oft noch günstigen Mieten gab, müssen heute ganze Straßenzüge nahezu ohne Geschäfte, Dienstleister und Werkstätten auskommen. Eine typische Entwicklung ist, dass eine Immobilie mit Gewerbe im Erdgeschoss nach dem Tod der bisherigen Hausbesitzer veräußert und von den neuen Besitzern umstrukturiert wird. Und so sieht mancher Straßenzug heute recht trist aus. Und ich überlege mir, dass die Gewerberäume ja auch ein wenig die Funktion eines kleinen Bollwerks zwischen dem Lärm und Schmutz der Straße und der Privatheit der darüber gelegenen Wohnungen hatten. Schade, das ist nun in vielen Straßen vorbei. Aber nicht überall, wie Norbert Fehl mir später zeigen wird.

Wege ins Südstadt-Idyll

Jetzt wenden wir uns erst einmal einem sehr idyllischen Teil der Südstadt zu, das ich in der Südstadt nicht vermutet hätte. Erst einmal geht es durch eher unspektakuläre Straßen, vorbei an einem modernen Kindergarten, dem mit hellen, aber warmen Orange- Gelb- und Grüntönen ein wenig Fröhlichkeit eingehaucht wird. Dann noch mal links ums Eck und schon ziehen auf der anderen Seite der Pillenreuther Straße der Südpunkt und die historischen Gebäude neben dem grünen Quader die Blicke auf sich. Das Lern-, Kultur- und Bildungshaus Südpunkt ist Nürnbergerinnen und Nürnbergern weit über die Grenzen der Südstadt hinaus ein Begriff. Nichtsdestotrotz muss ich bekennen, dass ich dort noch keine Veranstaltung besucht habe. Aber das wird sich ändern, sobald die Pandemie es wieder zulässt!

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Sperberstraße und so weiter …

Wir biegen in die Sperberstraße ein. Schon an der ersten Straßenecke zeigen mir gelbe Blumen hinter dem Zaun, dass Norberts Ankündigung einer zauberhaften Wohngegend mit hübschen Häusern und grünen Gärten durchaus berechtigt war. Zäune, Giebel, Gärten nehmen wir aus etwas unterschiedlicher Perspektive war, denn Norbert kann über mehr Zäune hinwegsehen als ich. Trotzdem entdecke ich viele hübsche Details. Die hübschen Häuser und die jetzt ergrünenden Gärten sind wunderschön und helfen uns, das heute etwas nieselige Wetter zu ignorieren. Da wir beide familiäre Wurzeln in Hamburg haben, fällt uns das vermutlich nicht allzu schwer. Das zauberhafte blaue Haus kann man sich doch auch wunderbar in Övelgönne vorstellen – nicht wahr? Oder erinnert es eher an den Himmel über Griechenland?

Hummelsteiner Park

Und schon sind wir am Eingang zum Hummelsteiner Park. Was für eine Oase! Links liegen lassen wir die Pergolen, erfahren von den Info-Tafeln aber schon mal, dass der Park als Artengarten dazu dienen soll, das Artenwissen der Bevölkerung zu vertiefen. Die Beschilderung der Bäume ist der erste Schritt zum Artengarten, in dem kann man Tiere und Pflanzen besser kennenlernen, Wissenswertes über ihr Zusammenleben erfahren und auch Informationen über die Gefährdung vieler Arten erhalten. Im Garten der Kindertagesstätte hat man sich diesen Ansatz wohl auch zu Herzen genommen. Im Hof der Kita sehen wir ein Kaninchen hoppeln, das bestimmt ein hervorragender Botschafter für den Artenschutz ist. Auf der Wiese am Hummelsteiner Schloss stehen und liegen einige Liegestühle. Ein guter Platz zum Lernen, findet Norbert. Ich bin mir nicht so sicher, ob ich mich hier konzentrieren könnte. Am anderen Ende verlassen wir den Park wieder. Natürlich nicht, ohne uns vorher beim Labyrinth umgeschaut zu haben. Und natürlich werfen wir noch einen Blick über den Zaun – in den Biergarten, der gleich neben dem Park so schön gelegen ist.

Herrensitz Lichtenhof – Petzenschloss

Weil es am Hummelsteiner Schlösschen so nett war, machen wir uns gleich auf zum nächsten Schloss. Zum Petzenschloss, dem Herrensitz Lichtenhof. Wir werfen einen Blick auf das hübsche Anwesen, dessen Fensterläden uns schon aus der Ferne entgegengeblitzt haben, und schlendern noch ein wenig durch die Straßen. Wenn man sich ein wenig Zeit nimmt, fallen einem ganz andere Dinge ein als bei den sonst meist hektischen Wegen durch die Stadt. So manches Detail lässt einen Schmunzeln. Wie der Spruch am Eckhaus Hartmutstraße – Hummelsteiner Weg. Unten gibt es Spare Ribs, am Erker Weisheit:

Allen, die mich kennen, gebe Gott, was sie mir gönnen.

Kunst, Luftschutz, Vorgärten

Plötzlich stehe ich vor einer Galerie, in der ich vor inzwischen vielen Jahren eine Vernissage besuchte. Es ist das Schaufenster 76 der Galerie KunstimSinn. Wie schön, wenn einem plötzlich längst vergangene Erlebnisse ins Gedächtnis gerufen werden. Zwischen den alten Fassaden, die teilweise sehr schön restauriert wurden und gepflegt werden tauchen auch neue, manchmal sogar recht gelungen integrierte neue Häuser auf. Und sogar Gebäude mit kleinen, eingezäunten Vorgärten gibt es noch. Das fehlt heute an vielen Orten, findet Norbert. Und zwar nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern auch weil sich die Nachbarn an solchen Orten treffen und austauschen konnten. Sehr hübsch ist auch das Geschäft des Geigen- und Gitarrenbauers, der wie gerufen demonstriert, wie schön es ist, wenn es in einer Straße noch einzigartige Läden gibt. Und ich erfahre obendrein, wie lange historische Spuren uns noch Geschichten erzählen, denn die weißen Streifen und Markierungen neben dem Schaufenster haben den Menschen im zweiten Weltkrieg den Weg in die Luftschutzkeller gewiesen. Eine traurige Erinnerung an diese, deren Folgen die damals stark zerstörte Südstadt noch immer prägen.

Kaffee unterm Baum

Nach dieser Stadtwanderung holen wir uns Kaffee und gehen noch einmal in den Hummelsteiner Park. Wir machen es uns auf einer Bank gemütlich und packen den mitgebrachten Kuchen aus. Zu meinem Glück steht die Bank zumindest zur Hälfte unter einem Baum, denn ich sitze im nahezu Trockenen, als es anfängt zu regnen. Norbert leider nicht – sorry dafür! Es war dennoch ein sehr netter und ausgedehnter Plausch.